Wie sehr interessiert es dich, was andere denken, wenn du jemanden nach dem ersten Date zu dir nach Hause einlädst? Oder zögerst du vielleicht, deiner Partnerin oder deinem Partner deine sexuellen Wünsche mitzuteilen, weil du Angst hast, verurteilt zu werden?
Woher kommt diese Angst eigentlich?
Ein Schamgefühl in Bezug auf Sex und Sexualität gibt es, seit die Welt besteht. Und wir alle können es irgendwann im Leben spüren. Deshalb sollten wir genauer verstehen, woher es kommt. Fangen wir also von vorne an: bei der Jungfräulichkeit.
Was passiert eigentlich wirklich nach dem ersten Sex?
Nun ja, nichts Besonderes. Du hattest Sex.
Jungfräulichkeit ist ein soziales Konstrukt und kein Ding (genauer gesagt kein Häutchen), das man „verliert“. Es gibt kein Siegel, das gebrochen wird. Und da fragt man sich zwangsläufig: Was ist Jungfräulichkeit denn nun genau?
Umso mehr, als wir von diesem (falschen) Konzept der „Reinheit“, das fast zwangsläufig mit Jungfräulichkeit verknüpft wird, irritiert oder sogar verunsichert sind. Ein Konzept, das einem gesunden Sexualleben und vor allem dem Selbstbild schaden kann – und in vielen Fällen tatsächlich schadet.
Und trotzdem: warum? Weil Jungfräulichkeit aus medizinischer Sicht letztlich kein realer Zustand ist.
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Generell herrscht Verwirrung, wenn es um das Hymen (Jungfernhäutchen) geht: Viele Menschen glauben, es verschließe den Scheideneingang vollständig.
Aus medizinischer Sicht ist das Hymen ein dünnes, elastisches Gewebestück, das den Scheideneingang umgibt. Achtung: Es bedeckt den Scheideneingang nicht vollständig, sondern weist eine ausreichend große Öffnung auf, damit Menstruationsblut abfließen kann oder ein Tampon bequem verwendet werden kann.
Darüber hinaus gibt es Menschen, die ohne Hymen oder mit einem extrem dünnen, kaum vorhandenen Hymen geboren werden. Und wie jeder andere Körperteil ist das Hymen bei jedem Menschen anders. Wichtig ist jedoch: Das Hymen öffnet sich oder „reißt“ meist beim ersten vaginalen Sex – was Unbehagen oder eine leichte Blutung verursachen kann. Das ist aber keine Regel: Das Hymen kann auch durch einen Unfall oder Stoß, durch intensive körperliche Aktivität, durch operative Eingriffe und manchmal ganz ohne besonderen Grund einreißen :))
Das Fehlen des Hymens ist also kein Hinweis auf Geschlechtsverkehr und kann auch kein Beweis für den Verlust der Jungfräulichkeit sein. Denn Jungfräulichkeit ist ein soziales, religiöses und kulturelles Konstrukt und wurde in patriarchalen Gesellschaften als „Messinstrument“ benutzt, um Frauen leichter kontrollieren zu können.
Zudem bringt die Vorstellung körperlicher Reinheit selbst Schäden und Probleme mit sich, wenn es um ein gesundes Sexualleben geht. Scham und sexuelle Tabus beeinträchtigen weiterhin einen großen Teil der Weltbevölkerung – körperlich und psychisch – und bestimmen Lebensentscheidungen. Wir richten uns noch immer nach dem, was Gesellschaft oder Religion sagen – die Einzigen, für die Jungfräulichkeit noch so bedeutsam ist, dass ihr „Verlust“ zur Tragödie wird.
In manchen Kulturen hat die Vorstellung von Jungfräulichkeit sogar zu sogenannten „Jungfräulichkeitstests“ geführt, die heute von der Weltgesundheitsorganisation verurteilt werden, weil sie die Menschenrechte verletzen.
Diese Tests sind eine äußerst invasive und schädliche Praxis: Sie beruhen darauf, den Scheideneingang einer Frau zu untersuchen, um festzustellen, ob das Hymen „intakt“ ist, oder das Bettlaken nach dem Geschlechtsverkehr auf Blutflecken zu kontrollieren, was als Zeichen dafür gelten soll, dass das Hymen gerissen ist. Noch besorgniserregender ist, dass manche Gemeinschaften Frauen sogar bestrafen, die diese Zeichen nicht aufweisen oder sich solchen Tests nicht unterziehen.
Doch die angewandten Methoden verletzen nicht nur die Menschenrechte tausender Mädchen und Frauen. Haben Frauen körperliche Gewalt erfahren, können die Tests zusätzlichen Schmerz und weitere Traumata verursachen und körperliche sowie psychische Beschwerden wie Angstzustände, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen verschlimmern.
UN-Organisationen haben in den vergangenen Jahren Appelle an diese Gemeinschaften gerichtet, die Gewalt gegen Frauen zu beenden und die weitere Durchführung von Jungfräulichkeitstests zu verbieten.
Wie schon am Anfang des Artikels erwähnt, ist Jungfräulichkeit ein soziales, abstraktes Konstrukt, das prägen kann, wie wir die Realität um uns herum wahrnehmen. Es ist jedoch nichts Greifbares, nichts Körperliches. Es ist lediglich ein Übergang zwischen dem Zustand, (noch) nicht sexuell aktiv zu sein, und dem Moment nach dem ersten Sex. Dennoch kann das Konzept für beide Geschlechter schädlich sein: Ein Junge gilt als „unerfahren“, wenn er Jungfrau ist, während ein Mädchen in derselben Situation als „rein“ gilt. Nach dem ersten Mal wird der Junge zum „Erfahrenen“ – und das Mädchen zur Unmoralischen.
Wie soll das für junge Menschen, die ihr Sexualleben gerade beginnen, relevant oder hilfreich sein?
Nun, das kann es nicht. Und Jungfräulichkeit ist eigentlich gar nicht so wichtig.
Außerdem ist die Art, wie wir über Jungfräulichkeit sprechen, in der Regel heteronormativ, denn wir denken dabei an Sex zwischen einer Frau und einem Mann. Auch das ist wieder einschränkend, weil queere Menschen dabei nicht mitgedacht werden.
In Wirklichkeit hat Sex viele Formen und Ausdrucksweisen – einige davon beinhalten Penetration, andere nicht. Und zu behaupten, die „Jungfräulichkeit“ werde nur durch penetrativen Sex verloren, gilt nicht für alle Menschen.
Vielleicht wäre es an der Zeit, ein überholtes Konzept, das der Menschheit heute keinen Mehrwert bringt, vollständig abzulegen. Denn eine gesunde Gesellschaft fördert Feminismus, sexuelle Gesundheit und Sexualaufklärung und ermutigt zu Inklusion, Diversität und zur Akzeptanz zeitgemäßer, gesunder Sichtweisen auf Sexualität.
So, wie es absolut normal ist: Letztlich sollten wir alle frei sein, unsere eigenen Entscheidungen über Sex und unseren Körper zu treffen – ohne uns beschämt oder von einem sozialen Konstrukt eingeschränkt zu fühlen.